Euphorie, Optimismus, Risiken

Samstag, 07.08.2010 - 14:22 Uhr

Die optimistischen, ja fast euphorischen Töne mehren sich. Da haken die Börsianer im Spiegel die Krise vollständig ab. Das Handelsblatt titelt am 6. August „Deutschland: belacht, beschimpft, bewundert“ und vermeldet „Die Meinung der Welt über die deutsche Wirtschaft hat sich in erstaunlichem Tempo gedreht. Mit Neid und Bewunderung blicken Politiker, Manager und Ökonomen auf die kraftvolle Konjunkturerholung.“ Und die neueste Ausgabe der Wirtschaftwoche (32/2010) berichtet unter dem Titel „Stark aus der Krise“ vom wirtschaftlichem Aufschwung in Deutschland. Auch EZB-Chef Trichet verbreitet im Spiegel Optimismus.

Derzeit ist auch mehr über Fachkräftemangel als über Arbeitslosigkeit zu lesen. Schon faszinierend, mit welcher Geschwindigkeit sich die Wahrnehmung und Interpretation der wirtschaftlichen Lage verändern kann – atemberaubend.

Ja, und dann sind da noch die Risiken. Risiken von unterschiedlicher Art, Ausprägung und Ausmaß – von Unternehmen zu Unternehmen verschieden, nicht in allen Branchen gleich.

Was denn nun?

Wenn meine Thesen zur Einordnung der Lage richtig sind, dann ist auch nach Überwindung der Rezession mit erheblichen Nachbeben zu rechnen. Rückschlagspotentiale gibt es zur Genüge. Sei es die Schuldensituation der USA: Die Frage, was mit dem Dollar passiert, wird derzeit offensichtlich vermehrt von Marktteilnehmern diskutiert. Sei es die konjunkturelle Entwicklung Chinas: Hier stellen sich die Fragen,ab wann ist eine Immobilienblase eine Immobilienblase mit welchen Folgen ist zu rechnen und wie lange kann China das Wachstumstempo beibehalten.

Langfristig wichtiger ist aber: Mit und ohne Finanzkrise und ihre konjunkturellen Impulse sind tektonische Verschiebungen zu beobachten. Statt einem „Wir sind noch mal davon gekommen und müssen mit ganzer Kraft so weiter machen wie vor der Krise “, ist das Überdenken der Handlungsmaximen erforderlich. Und die Bedeutung der Sicht für Risiken: Die Risiken sind eher höher im Vergleich zur Vorkrisenzeit, weil sich Umbrüche, Strukturbrüche und Veränderungen in der Krise beschleunigt haben: Stichwort tektonische Verschiebungen.

Risikobetrachtung: Etwas für Spielverderber?

Unterstellen wir folgendes als gesichert: Die wirtschaftliche Lage entspannt sich. Der Optimismus von Entscheidungsträgern und Konsumenten steigt. Unterstellen wir weiter: Dieser Optimismus trägt einige Zeit und zeigt deutliche Wirkung in harten Zahlen – Wachstum auf Vorkrisenniveau und darüber hinaus. Darf man da von Risiken sprechen? Oder ist man dann ein Spielverderber?

Sie kennen ihn sicherlich auch: Den ewigen Nörgler, den Spielverderber, der sich selbst als Realist sieht, ja nur zu bedenken geben möchte, man müsse das Thema auch von einer anderen Seite betrachten. Es könne ja auch vor folgenden Konstellationen ganz anders kommen. Oder es sei auch folgender Faktor möglicherweise von Relevanz. Er wolle nicht behaupten, dass es wirklich so komme. Man wisse es aber nicht. Man sei daher besser beraten, vorsichtig zu agieren. Vorsicht hier und Vorsicht da. Und so weiter und so weiter. Auf alle Fälle, so meint er, sei das ganze schwierig, aber selbstverständlich lösbar, wenn man nur aufpasse.

Ist man also ein Spielverderber, wenn man in die Euphorie hineinruft: „Schaut euch eure Risiken an. Verbessert eure Risikomanagementsysteme. Schaut euch eure Strategie, euer Geschäftsmodell an. Tragen diese in die Zukunft? Oder ist es nicht vielmehr ein Erfordernis für gutes Management,

• die Zeit zu nutzen,
• Themen anzugehen,
• die Unternehmen in der Aufschwungphase zukunftsfester zu machen.

Da sind unterschiedliche Analysen erforderlich bezüglich Märkten, technologischen Entwicklungen und Bedarfsänderungen. Eine Sichtweise – und natürlich nicht die einzige. Ein weiterer Baustein ist auch die Auseinandersetzung mit bestandsgefährdenden Risiken.

Risikomanagement (Nein das ist nicht dasselbe, wie Ihnen die Wirtschaftsprüfer abverlangen)

Prof. Kaplan – Sie wissen schon, dass ist der mit der „Balanced Scorecard“ – entwirft in einem Artikel sein „Risk Management Framework“. Zentraler Gedanke ist die Clusterung von Risiken in drei Levels:

• Level 3: Routine Operational and Compliance Risks
• Level 2: Strategy Risks
• Level 1: Global Enterprise Risks

In der Auswirkung der Risiken auf die Unternehmen bietet sich eine Klassifizierung an, die Gefährdungspotentiale erfasst und darlegt. Auf jedem Risikolevel sind unterschiedliche Risikoarten bezüglich der Zukunftsfestigkeit von Unternehmen im Eintrittsfalle identifizierbar: von Risiken, die mit jeder Art des Wirtschaftens einhergehen bis hin zu Risiken, die im Eintrittsfalle bestandsgefährdend wirken.

Fazit: Ein zukunftsfester Handlungsrahmen für die nächsten Jahre erfordert klare Sichten auf Risiken. Ich komme darauf zurück.

Mehr zum Thema:

1. Was den nun?
2. Umbrüche, Strukturbrüche und Veränderungen
3. Stichwort tektonische Verschiebungen

Kategorie: Risikomanagement Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Euphorie, Optimismus, Risiken”

  1. Roland Tichy

    Die Frage, wie solide ist er denn nun, der Aufschwung, treibt mich natürlich auch um – die WirtschaftsWoche will ja nicht Trends verstärken, sondern Trends erkennen.
    Rückschlagspotentiale gibt es immer; diesmal ist es die labile Lage der US-Wirtschaft.
    wieder hoffen wir natürlich auf die Entkoppungsthese – dass die Einheitlichkeit der weltwirtschaftlichen Entwicklung aufgebrochen ist zu Gunsten einer multipolaren Dynamik, die sich ev. ausgleicht.
    Allerdings: Diese These wurde schon vor der Finanzkrise vertreten und jämmerlich wiederlegt.
    Aber das heißt ja nicht, dass sie diesmal nicht doch stimmen könnte. Offensichtlich haben China und Indien doch die Rolle der Schrittmacher übernommen, und thanks god, Deutschland stellt das Zeug her, das die gerade nachfragen, von der Werkzeugmaschine bis zum BMW. Glück gehabt, Gucci und ChiChi machen die selber und das auch noch billiger.
    Vielleicht ist es auch ein Erfolg von einer Art zähen Industriepolitik, irgendwie hegen und pflegen wir das hier bei uns ja, während die angelsächsischen Länder das einfach aufgegeben haben. Es raucht und stinkt und macht arbeit, wie lästig. Da ist “Dienstleistung”, von marketing über Recht bis hin zu Finanzdienstleistungen schon chicker. Aber eben doch nicht so beschäftigungswirksam, wie Obama gerade leidvoll erfährt.
    Also? Was nuns?


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